
Mongolen in Bagan
Die mongolische Invasion nach Burma im späten 13. Jahrhundert markierte einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des Landes. Sie führten zum Zusammenbruch des Königreichs Bagan - dem ersten großen Reich auf dem Gebiet des heutigen Myanmar – und leiteten eine jahrhundertelange Phase der politischen Zersplitterung ein. Im 11. Jahrhundert hatte König
Anawrahta das Reich von Bagan im trockenen Zentralbecken Burmas entlang des Irrawaddy gegründet. Es wurde zum kulturellen und religiösen Zentrum des Theravada-Buddhismus mit tausenden Pagoden, Tempeln und Klöstern. Mitte des 13. Jahrhunderts zeigte das Reich jedoch innere Schwächen:
Riesige Landflächen und Vermögen wurden steuerfrei an buddhistische Klöster übergeben, was die Einnahmen des Königreichs zunehmend schmälerte. Zudem verlor der Zentralstaat mehr und mehr die Kontrolle über die Randregionen. Zur gleichen Zeit expandierte unter
Kublai Khan das Mongolenreich immer weiter nach Süden.
Kublai Khan entsandte Gesandte an den Hof von König Narathihapate in Bagan und forderte die Anerkennung der mongolischen Oberhoheit sowie Tributzahlungen, wie sie von kleinen Fürstentümern in Yunnan bereits geleistet wurden. Narathihapate lehnte ab. Als 1273 eine zweite mongolische Delegation eintraf, ließ der König die Gesandten Berichten zufolge hinrichten. Die darauf erfolgte erste größere militärische Konfrontation fand in der Provinz Yunnan an der Grenze zu Burma statt.
Das burmesische Heer marschierte mit einer riesigen Streitmacht auf, darunter hunderte Kriegselefanten. Die mongolischen Reiter, geführt von Provinzgouverneuren aus Yunnan, nutzten eine taktische Finte: Anstatt die Elefanten direkt anzugreifen, schossen sie mit ihren Verbundbögen Pfeilsalven auf die Tiere. Die verwundeten Elefanten gerieten in Panik, wendeten und zertrampelten die eigene burmesische Infanterie. Die Mongolen gewannen die Schlacht und besetzten Grenzgebiete im Norden Burmas, der Bhamo-Region. 1283 nahmen sie die Festung Kaungsin (im heutigen Kachin-Staat) ein. Der Verlust von Kaungsin öffnete den Mongolen den Weg weiter ins Irrawaddy-Tal bis zum damaligen birmanischen Zentrum Tagaung (in der Region Mandalay).
König Narathihapate floh aus der Hauptstadt Bagan nach Süden in die Küstenregion Pathein (Bassein). Durch diese Flucht erhielt er in den burmesischen Chroniken den Schmähnamen Tayok-pyi-min („Der König, der vor den Chinesen/Mongolen floh“). 1287 versuchte er, einen Frieden mit den Mongolen auszuhandeln und willigte ein, Tribut zu zahlen. Doch bevor das Abkommen greifen konnte, wurde Narathihapate von seinem eigenen Sohn Thihathu vergiftet.
Unter der Führung von Prince Tugh Temür (einem Enkel Kublai Khans) marschierte die mongolische Armee kurz darauf direkt auf Bagan vor und besetzte die geschwächte Hauptstadt. Bagan wurde geplündert (insbesondere Goldschmuck und wertvolle Artefakte aus den Tempeln), und viele hölzerne Palastbauten sowie Wohnhäuser wurden beschädigt oder zerstört. Die monumentalen Backstein Tempel überstanden die Besatzung jedoch weitgehend. Das Königreich Bagan existierte nach 1287 nur noch als unbedeutender Kleinstaat unter mongolischer Oberhoheit. Nach einem weiteren, aber gescheiterten mongolischen Feldzug im Jahr 1301, zogen sich die Truppen der Yuan-Dynastie 1303 aufgrund hoher Kosten und des tropischen Klimas komplett aus Burma zurück.
Neuere Forschungen zeigen, dass die mongolischen Truppen Pagan höchstwahrscheinlich nie erreichten. Sie wurden von den burmesischen Verteidigungsanlagen unter dem Kommando der Heerführer Athinkhaya, Yazathingyan und Thihathu aufgehalten und kamen vermutlich nie näher als 160 km nördlich von Pagan heran. Eine Eroberung und Plünderung der berühmten Tempelstadt durch die Mongolen ist historisch nicht belegt. Diese Darstellung stützt sich wesentlich auf burmesische Chroniken und deren Interpretation durch britische Kolonialhistoriker wie Arthur Phayre und Godfrey Eric Harvey ("History of Burma, 1925"). Der Mongoleneinfall war demnach eher ein Beschleuniger des Niedergangs von Bagan als dessen alleinige Ursache.
History of Burma, Godfrey Eric Harvey, Longmans, Green and Co., 1925
"Im Jahr 1273 traf ein kaiserlicher Gesandter - der Erste Sekretär des Ritenministeriums - gemeinsam mit drei Kollegen in Pagan ein und überbrachte ein Schreiben von Kublai Khan. Darin weist Kublai Khan zunächst darauf hin, dass er selbst den birmanischen Gesandten empfangen habe, und fährt dann fort: „Wenn Ihr tatsächlich entschlossen seid, Eure Pflichten gegenüber dem Allerhöchsten zu erfüllen, so entsendet einen Eurer Brüder oder einen Eurer hochrangigen Minister. Dies soll der Welt zeigen, dass die gesamte Erde mit Uns verbunden ist, und den Grundstein für ein dauerhaftes Bündnis legen. Dies wird Euren Ruf mehren und liegt in Eurem eigenen Interesse; denn sollte es zum Krieg kommen – wer wird dann wohl als Sieger hervorgehen? Denkt wohl über Unsere Worte nach, o König.“
Da die Gesandten, die dieses Schreiben überbrachten, sich weigerten, ihre Schuhe oft genug auszuziehen, befahl Narathihapate ihre sofortige Hinrichtung. Der Minister Anantapyissi, der sich in dieser Atmosphäre wahnwitziger Schmeichelei seinen klaren Verstand bewahrt hatte, wandte ein: „Majestät, protestiert in Peking gegen ihren Mangel an Ehrerbietung, aber tötet sie nicht. Die Könige vergangener Zeiten pflegten niemals Gesandte zu töten.“
Doch Narathihapate wollte nicht hören, und die Gesandten wurden samt ihrem zahlreichen Gefolge hingerichtet.
Die Regierung von Yunnan meldete nach Peking, dass die Gesandtschaft nicht zurückgekehrt sei, die Burmesen offensichtlich keine Absicht hätten, sich zu unterwerfen, und dass der einzige Weg, dieses Volk zur Vernunft zu bringen, darin bestehe, unverzüglich Krieg zu führen. Der Kaiser verfügte daraufhin, dass die Angelegenheit zu einem späteren Zeitpunkt erneut behandelt werden solle."

















